NACHBARN
(Neighbours)
2018, Dokumentarfilm, 2K, 26min, Deutsch mit englischen Untertiteln
Film auf Anfrage: paryelqalqili@gmail.com
Synopsis
Es ist tiefster Winter. Wir stehen in einem Waldstück im Schnee. Vor uns eine Flüchtlingsunterkunft, in der Feuer gelegt wurde. Ein paar Jungs spielen im Schnee. Ihr Lachen hallt durch den Wald. Wir suchen unseren Standpunkt. Langsam zirkeln wir mit der Kamera den Ort ab, das Feld der Wahrnehmung bewegt sich über dieNachbarshäuser mit ihren zugezogenen Vorhängen, die morschen Zäune, das verschneite Geäst. Nichts deutet darauf hin, dass es hier einen Brandanschlag gab. Keine Spuren an den Hauswänden. Keine Tafel zur Erinnerung an diejenigen, die dabei zwar nicht ums Leben kamen,aber denen die Tat gegolten hatte. Die Nachbarn wissen von nichts. Ein Brandanschlag? Nein, niemand hat davon gehört. Eine unheimliche Ahnung überkommt uns: so schnell wie die Brandanschläge aus der Zeitung verschwanden, verschwanden sie auch aus dem Gedächtnis der unmittelbaren Nachbarschaft. Wie erinnern sie sich? Wie und was erzählen sie? Wir hören zu. Und als wir die Stimmen über die 360 Grad Schwenks an den Tatorten legen, beginnen wir mehr zu sehen als zuvor. Ein Pferd auf der anderen Seite des Zaunes wird Teil einer unheilvollen Erzählung. Ein Fußballfeld bei Nacht wird zur Arena für Gender Spekulationen. Ein vorbeigehender Jugendlicher, der Deutsch-Rap hört, wird zum Kommentar an einer abgebrannten Turnhalle.Die Begegnungen während der Dreharbeiten, die gesprächsbereiten und die abwehrenden, öffnen uns eine Tür zum Narrativ deutscher Nachbarschaft. Wenn auch nur für einen kurzen Moment.
Interview and Discussion
Diskussionsprotokoll der Duisburger Filmwoche 2018
Der Titel des Films –NACHBARN – ruft bei Moderatorin Henrike Meyer unmittelbar eine Assoziation zu Kafkas „Der Nachbar“ ins Gedächtnis. Dort erzählt der Autor die Geschichte über den neuen Nachbarn Harras, der für den Ich-Erzähler aufgrund der vehementen Vermeidung eines persönlichen Gesprächs und des permanenten Bezugs von Informationen aus dritter Hand immer mehr zur Bedrohung zu werden scheint.
In ihrem 26-minütigen Kurzfilm „Nachbarn“ beschäftigen sich die Regisseurinnen Pary El-Qalqili und Christiane Schmidt mit den Gedanken der Menschen, die in unmittelbarer Nähe zu Flüchtlingsunterkünften in Deutschland wohnen, auf die in jüngster Zeit ein Anschlag verübt wurde. Die formale Umsetzung ist streng konzeptuell: Auf der Bildebene werden anhand von jeweils zweiminütigen weitwinkligen 360-Grad-Schwenks die einzelnen Anschlags-Orte und deren Umgebung visuell erfasst. Auf der Tonebene wird der Zuschauer mit den Aussagen der Personen konfrontiert, die sich zwischen angstgetriebener Meinungsmache, schlichtem Mitleid und gesellschaftlicher Selbstreflexion bewegen. Die leitenden Fragen der Autorinnen lauteten dabei: Wie sind solche Unterkünfte positioniert und eingebettet? Erinnern die Menschen etwas von der Tat? Und welche Erzählungen stehen individuell im Vordergrund? (read more)
Analyse & Kritik, Zeitung für linke Debatte und Praxis
Bevor die Spuren verschwinden
Die Dokumentarfilmerinnen Pary El-Qalqili und Christiane Schmidt über Brandanschläge auf Geflüchtete und die Reaktionen von Anwohner_innen.
In den Jahren 2015 und 2016 werden deutschlandweit täglich Geflüchtete und ihre Unterkünfte angegriffen. Der Film »Nachbarn« erzählt das Verhältnis von Menschen, die in unmittelbarer Nähe von zwölf dieser Orte wohnen, zu den Verbrechen. ak hat mit Pary El-Qalqili und Christiane Schmidt über ihren Film gesprochen... (read more)
Festivals and Nominations
2019 Nomination for the German Critic Award
2019 Documentary Film Festival Karlsruhe
2019 Documentary Film Week Hamburg
2019 Hamburg International Short Film Festival
2018 Duisburg Film Week
Regie/Schnitt/Produktion
Pary El-Qalqili, Christiane Schmidt
Bild
Christiane Schmidt
Ton
Didier Guillain
Tongestaltung und Tonmischung
Azadeh Zandieh
Colorist / DCP
Colja Krugmann
Gefördert durch Gerd Ruge Stipendium der Filmstiftung NRW